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Schmerzensgeld nach Outing wider Willen

Auch in Zeiten zunehmender Liberalisierung darf der Bereich der Intimsphäre eines Menschen durch die Presse nicht verletzt werden. In den Bereich der geschützten Intimsphäre gehöre auch das Recht über den Zeitpunkt seines Outings - also der öffentlichen Mitteilung über seine Homosexualität an seine Umwelt - selbst zu bestimmen.

Hintergrund der Entscheidung des Landgerichts München I waren die Klagen zweier homosexueller Männer, deren Familien den Zeugen Jehovas angehören. Die Männer waren bei einer Christopher-Street-Day-Parade in inniger Umarmung fotografiert worden. Später bediente sich die Redaktion einer Boulevardzeitung mit einer Auflagenstärke von 150.000 Stück des Bildes. Es wurde allerdings der Hintergrund retuschiert und die beiden Männer gerieten daher in den Mittelpunkt des Bildes. Es war nicht mehr zu erkennen, dass das Bild im Zusammenhang mit dem Christopher-Street-Day steht. Das so retuschierte und sehr große Bild diente zur Bebilderung eines Artikels unter dem Titel: "So leben Schwule und Lesben in München". Das Bild war mit dem Satz "Trotz aller Offenheit, mit der große Teile der Gesellschaft inzwischen schwulen Pärchen begegnen: 60 Prozent der Schwulen erleben immer noch Situationen, in denen sie große Angst haben, als Homosexueller erkannt zu werden." untertitelt.

In dem Fall der beiden Männer war diese Angst nicht unbegründet, denn die Zeugen Jehovas stehen der gleichgeschlechtlichen Liebe nicht sonderlich positiv gegenüber. Die streng religiösen Eltern der Männer erfuhren über den Zeitungsartikel von dem Verhalten ihrer Söhne, was zu einem Bruch der Beziehung zu den Eltern führte.

Die Männer verlangten nun jeweils 5.000 Euro Schmerzensgeld von der Zeitung. Dieses Schmerzensgeld sprach das Landgericht München I den Männern zu.

Das Gericht erteilte der Argumentation der Zeitung eine klare Absage, dass die Männer durch das Sichfotografierenlassen während des Christopher-Street-Days eine generelle Einwilligung darüber abgegeben hätten, dass über sie in Wort und Bild berichtet werden dürfe. Insbesondere könne sich die Zeitung nicht auf § 23 Abs. 1 Nr. 3 KUG (= Kunsturhebergesetz) berufen. Danach dürfen nämlich Bilder von Versammlungen und Aufzügen auch ohne die Einwilligung der Teilnehmer veröffentlicht werden.

Eine schlüssige Einwilligung sei hier keinesfalls anzunehmen. Zum einen sei bekannt, dass nicht jeder Teilnehmer an einer Chrisopher-Street-Day-Parade homosexuell sein müsse, zum anderen sei aber gerade der Zusammenhang mit dem Christopher-Street-Day nach der Retusche nicht mehr erkennbar. Die beiden Männer würden durch den Artikel und das retuschierte Foto eindeutig als homosexuell in den Mittelpunkt gerückt. Zu einer solchen Darstellung haben die Männer nach Ansicht des Gerichts aber niemals ihre Einwilligung gegeben.

Es müsse klar sein, dass die Unantastbarkeit der Menschenwürde auch gebiete, es jedem Homosexuellen selbst zu überlassen, ob und wann er seine Umwelt über sein Sexualverhalten aufklärt.

Die Entscheidung des Landgerichtes kann nur auf Zustimmung stoßen. Gerade in Zeiten digitaler Bildbearbeitungsmöglichkeiten kann eine weit auszulegende Generaleinwilligung des in einem ganz anderen Umfeld Fotografierten nicht angenommen werden. Der Fotografierte ist darauf angewiesen, abschätzen zu können, in welchem Rahmen und in welchem Kontext die Fotografie verwendet wird.

Die Vorliebe von Printmedien, Artikel durch nachbearbeitete Fotos interessanter machen zu wollen, muss dort eine Grenze finden, wo der Betroffene schwere Nachteile erleidet. Es ist mit dem Grundgesetz nicht vereinbar, die Menschenwürde der Effekthascherei unterzuordnen. Vielleicht hilft das Urteil auch dabei, das Bewusstsein der verantwortlichen Grafiker, Texter und Layouter dafür zu schärfen, dass Fotos eben nicht wie vorgefertigte Cliparts zu handhaben sind, sondern dass hinter den auf den Fotos abgebildeten Personen reale Menschen stehen, die durch einen zu sorglosen Umgang mit dem "Bildmaterial" schwere Nachteile erleiden können.

© Stefan Müller-Römer, Marco Schröder; August 2005; alle Rechte vorbehalten; all rights reserved.

 

 
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